Fukushima, Japan

Unfall
30. März 2011, Iitate, Japan. Drei Wochen nach Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe wurde endlich damit begonnen, die Kinder des Ortes auf radioaktive Belastungen zu untersuchen. Der Ort Iitate liegt außerhalb der Evakuierungszone, wurde aber am 15. März, als größere Mengen Radioaktivität nach Nordwesten geblasen wurden, stark verstrahlt. Foto: © Naomi Toyoda

Die drei Kernschmelzen im Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi im März 2011 haben zur größten radioaktiven Verseuchung der Ozeane in der Geschichte der Menschheit geführt. Der Super-GAU hat Böden, Luft, Nahrungsmittel und Trinkwasser kontaminiert und die gesamte Bevölkerung der Region erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt. Es ist noch zu früh, um das gesamte Ausmaß der gesundheitlichen Auswirkungen dieser Katastrophe abzuschätzen, doch aufgrund der freigesetzten Strahlenmengen kann von mehreren Zehntausend zusätzlichen Krebsfällen und zahlreichen anderen Erkrankungen ausgegangen werden. Jeder einzelne Krankheitsfall ist dabei einer zu viel.

Foto: 30. März 2011, Iitate, Japan. Drei Wochen nach Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe wurde endlich damit begonnen, die Kinder des Ortes auf radioaktive Belastungen zu untersuchen. Der Ort Iitate liegt außerhalb der Evakuierungszone, wurde aber am 15. März, als größere Mengen Radioaktivität nach Nordwesten geblasen wurden, stark verstrahlt. © Naomi Toyoda

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Hintergrund

Am 11. März 2011 ereignete sich vor der ostjapanischen Küste ein Erdbeben der Stärke 9,0 auf der Richterskala. Das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi wurde durch das Beben schwer beschädigt; vor allem kam es zum Ausfall der Kühlsysteme. Der vom Beben ausgelöste Tsunami verwüstete die Region rund um das Kraftwerk zusätzlich, was die Situation unüberschaubar werden ließ. Ohne funktionierende Kühlung kam es zu Kernschmelzen aller Brennstäbe in Reaktor 1, sowie 57 % der Brennstäbe in Reaktor 2 und 63 % der Brennstäbe in Reaktor 3. Mehrere Explosionen, sowie ein Brand im Abkühlbecken von Reaktor 4 folgten. Die Mitarbeiter des Betreiberunternehmens TEPCO ließen in verzweifelten Rettungsversuchen radioaktiven Dampf aus den Reaktorkernen ab und pumpten kühlendes Meerwasser hinein. Diese Maßnahmen konnten zwar große Explosionen wie in Tschernobyl verhindern, hatten aber zur Folge, dass es zur massiven Freisetzung von Radioaktivität durch Verdunstung und zur Kontamination von Grund- und Meereswasser kam. Die Feuer, Explosionen und Emissionen führten zur Bildung von mehreren radioaktiven Wolken, die strahlenden Niederschlag in alle Himmelsrichtungen verbreiteten. Rund 79 % des gesamten „Fallouts“ gingen über dem Pazifik nieder, die übrige Menge verteilte sich über das japanische Festland einschließlich des Großraums Tokio. Die schwerwiegendste Kontamination ereignete sich am 15. März, als größere Mengen Radioaktivität nach Nordwesten geblasen wurden, in Richtung der Dörfer Iitate und Namie, die heute die am schlimmsten verstrahlten Ortschaften darstellen. Insgesamt wurden durch den Super-GAU 200.000 Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Betroffene Ortschaften außerhalb der ursprünglich definierten Evakuierungszone, wie Iitate oder Namie, wurden dagegen erst mehrere Wochen später evakuiert und einige Menschen sogar von Orten niedriger Kontamination in stark verseuchte Orte geschickt. Auch wurde wider besseres Wissen die prophylaktische Verabreichung von Jodtabletten von der Regierung nicht veranlasst – wohl um eine Panik in der Bevölkerung zu verhindern. Am 12. April 2011 wurde der Super-GAU von Fukushima auf der höchsten Stufe der „International Nuclear Event Scale“ (INES) eingeordnet – nach Tschernobyl die zweite Atomkatastrophe, die diese Stufe erreicht hat.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

Der Ausstoß von radioaktivem Jod-131 durch den Super-GAU von Fukushima belief sich auf etwa 20 % der Emissionen von Tschernobyl; bei Cäsium-137 betrug der Ausstoß etwa 40–60 % der Emissionen von Tschernobyl. Darüber hinaus wurden Strontium-90, Xenon-133, Plutonium-239 und mehr als zwei Dutzend anderer radioaktiver Substanzen freigesetzt. Bei einer Kontamination des Pazifik mit über neun Peta-Becquerel Cäsium-137 (1 Peta-Becquerel = 1 Billiarde Becquerel) und über 68 PBq Jod-131 stellt der Super-GAU von Fukushima die größte singuläre radioaktive Meeresverseuchung der Geschichte dar.

Der radioaktive Niederschlag kontaminierte jedoch auch Böden, Felder und Grundwasserreservoirs. Langfristig stellt dabei die interne Verstrahlung durch Inhalation radioaktiven Staubs sowie die Aufnahme kontaminierter Nahrungsmittel und Trinkwasser die größte gesundheitliche Bedrohung dar. Erhöhte Strahlenwerte wurden in allen Arten von Obst und Gemüse sowie in Fleisch, Fisch, Meeresfrüchten, Reis, Milch, Tee und Leitungswasser nachgewiesen. Aus den durch Tschernobyl verseuchten Regionen Süddeutschlands wissen wir, dass auch 30 Jahre nach einem Super-GAU lokale Erzeugnisse weiterhin zu stark verstrahlt sein können, um gefahrlos verzehrt zu werden. Ganzen Landstrichen Nordostjapans wurde durch die Atomkatastrophe langfristig jegliche landwirtschaftliche Produktion unmöglich gemacht. Dasselbe gilt auch für die besonders fischreichen Küstenabschnitte vor der Küste der havarierten Atomreaktoren.

Kinder sind am stärksten vom radioaktiven Niederschlag betroffen, da ihre Organe eine höhere Strahlenempfindlichkeit haben und sie durch ihr natürliches Verhalten üblicherweise einer größeren Strahlendosis ausgesetzt sind als Erwachsene. Untersuchungen haben erhöhte Werte von radioaktivem Cäsium-137 und Jod-131 in Kindern feststellen können. Erste klinische Erhebungen zeigten bereits im November 2013 unerwartet hohe Fallzahlen von Schilddrüsenkrebs. Zu diesem Zeitpunkt musste schon bei 26 Kindern die Schilddrüse aufgrund von Krebsgeschwüren entfernt werden, bei 32 weiteren bestand der hochgradige Verdacht einer Malignität, bei mehr als 600 Kindern mit auffälligen Ultraschallbefunden lagen noch keine Nachuntersuchungsbefunde vor. Es kann davon ausgegangen werden, dass in den folgenden Jahren noch Hunderte weiterer Krebsfälle diagnostiziert werden. Diese Krebsfälle können, ähnlich wie Lungenkrebsfälle bei Rauchern, nie eindeutig und kausal auf die Belastung mit krebsauslösenden Stoffen zurückgeführt werden. Eine Kausalität wird allerdings umso wahrscheinlicher, je signifikanter die gefundenen Fälle von der üblichen Inzidenz abweicht. Die nächsten Jahre werden hierbei hoffentlich größere Klarheit bringen und die Langzeitfolgen abschätzbarer machen.

Alternativ können auf der Basis der kollektiven Effektivdosis einer Bevölkerung die zu erwartenden Krebsfälle stochastisch berechnet werden. Dabei ist von einem Dosis-Wirkungs-Zusammenhang ohne Schwellenwert auszugehen, sodass trotz geringer individueller Strahlendosen in einer großen Population eine erhebliche Zahl an Erkrankungsfällen zu erwarten ist. Für die Bevölkerung Japans ist somit, basierend auf den von der WHO berechneten individuellen Dosiswerten, in den nächsten Jahrzehnten je nach Rechenmodell von 20.000 bis 66.000 zusätzlichen Krebsfällen auszugehen. Es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass die Dosisabschätzung der WHO deutlich unterhalb der tatsächlichen Strahlendosen liegt.

Ausblick

Die Situation der vier Unglücksreaktoren von Fukushima ist immer noch nicht unter Kontrolle. Auch zehn Monate nach dem Erdbeben strahlten die Unglücksreaktoren noch 1.440 MBq (1 Mega-Becquerel = 1 Million Becquerel) pro Tag aus, und erst im Juli 2013 wurden neue Höchstwerte von Radioaktivität in Grund- und Meereswasser gemessen, während die Menge an kontaminiertem Kühlwasser täglich um ca. 400.000 Litern anwächst. Auf Druck von WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen und Elternverbänden wurden in Japan die zulässigen Grenzwerte für Radioaktivität in Lebensmitteln gesenkt. Nicht zuletzt aufgrund der schwerwiegenden Vorwürfe der parlamentarischen Untersuchungskommission gegenüber den japanischen Atombehörden und Betreiberfirmen wurden schrittweise alle Atomkraftwerke des Landes abgeschaltet. Doch die Zukunft der Kernenergie in Japan ist noch nicht entschieden. Die neu gewählte und von der starken Atomlobby abhängige Regierung will viele Kraftwerke wieder hochfahren.

Währenddessen tragen die Kinder in Fukushima auf ihrem Schulweg Dosimeter und Atemschutzmasken, passieren täglich radioaktive „Hotspots“, können nicht mehr auf den verunreinigten Spielplätzen, Feldern oder Stränden spielen, dürfen nicht im Meer baden und müssen für den Rest ihres Lebens regelmäßig medizinische Tests über sich ergehen lassen. In Japan werden die Betroffenen bereits von vielen als die „neuen Hibakusha“ bezeichnet.

Es ist noch zu früh um das vollständige Ausmaß und die Folgen der Atomkatastrophe abschätzen zu können. Epidemiologische Studien sind erforderlich um die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung zu untersuchen, doch es ist wichtig, dass diese Forschung von unabhängigen Organisationen durchgeführt wird, die nicht mit der Atomindustrie verbunden sind. Aussagen von industrienahen Wissenschaftlern, dass durch den Super-GAU von Fukushima keine gesundheitlichen Auswirkungen zu erwarten seien, sind unwissenschaftlich und unmoralisch. Die Hibakusha von Fukushima verdienen eine umfassende Aufklärung.

Weiterführende Informationen

Aktuelle Informationen über die Atomkatastrophe von Fukushima finden Sie auf der IPPNW-Webseite www.fukushima-disaster.de

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Quellen

37.316899, 141.023591