Goiânia, Brasilien

Unfall
112.800 Menschen wurden im brasilianischen Goiânia auf radioaktive Kontamination untersucht, davon waren insgesamt 239 externer und mindestens 129 Menschen innerer Strahlung ausgesetzt. Cäsium-137 war durch Wind und Niederschlag über ein großes Gebiet verteilt worden und, vermutlich durch PendlerInnen verschleppt, noch bis in 100 km Entfernung von Goiânia festgestellt werden konnte. Foto: © Karen Kasmauski/Corbis

In der brasilianischen Stadt Goiânia ereignete sich einer der schwersten zivilen Strahlenunfälle aller Zeiten. Im September 1987 führte der Diebstahl eines Therapiegeräts mit Cäsium-137 zur Verstrahlung von 249 Menschen. Vier von ihnen starben kurze Zeit später, mindestens 21 erlitten schwere Strahlenschäden. Die langfristigen Folgen des Unglücks wurden nie untersucht, die Dekontamination der betroffenen Stadtteile nur oberflächlich durchgeführt.

Foto: 112.800 Menschen wurden im brasilianischen Goiânia auf radioaktive Kontamination untersucht, davon waren insgesamt 239 externer und mindestens 129 Menschen innerer Strahlung ausgesetzt. Cäsium-137 war durch Wind und Niederschlag über ein großes Gebiet verteilt worden und, vermutlich durch PendlerInnen verschleppt, noch bis in 100 km Entfernung von Goiânia festgestellt werden konnte. © Karen Kasmauski/Corbis

Poster als PDF (Download)

Hintergrund

Am Nachmittag des 29. September 1987 entwendeten zwei Diebe ein Strahlentherapiegerät aus einer verlassenen Klinik im brasilianischen Goiânia. Das Gerät enthielt als Strahlenquelle Cäsium-137. Im Inneren der Bleihülse fanden die Diebe eine Kapsel mit fluoreszierendem blauen Pulver und nahmen sie aus Faszination mit nach Hause. Die Strahlung verursachte bei beiden Männern schwere Verbrennungen, die jedoch nicht sofort mit dem Pulver in Verbindung gebracht wurden. Sie zeigten die Kapsel mit dem leuchtenden Inhalt Freunden und Verwandten, von denen einige das Pulver nahmen, um blaue Kreuze auf ihre Hemden zu malen oder es als fluoreszierendes Make-up zu nutzen. Anschließend verkauften sie die Kapsel an einen Schrotthändler.

Während der folgenden Tage begannen die Personen, die in Kontakt mit dem Pulver gekommen waren, Symptome der akuten Strahlenkrankheit zu zeigen, begannen sich unkontrollierbar zu übergeben, bekamen blutige Durchfälle und litten unter rapidem Kräfteverfall. Die Ehefrau des Schrotthändlers schöpfte schließlich Verdacht, dass das geheimnisvolle blaue Pulver die Ursache dieser Symptome sein könnte und brachte es in ein örtliches Krankenhaus. Ärzte dort erkannten schnell, dass radioaktive Strahlung die Ursache der unerklärlichen Symptome sein musste und initiierten eine groß angelegte Untersuchung der Bevölkerung. Da weite Teile der Stadt radioaktiv verseucht worden waren, mussten viele Menschen evakuiert und mehr als 3.500 m radioaktiv kontaminiertes Material entsorgt werden.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

Untersuchungen ergaben, dass sich Cäsium-137 durch Wind und Niederschlag über ein großes Gebiet ausgebreitet hatte und, vermutlich durch PendlerInnen verschleppt, noch bis in 100 km Entfernung von Goiânia festgestellt werden konnte.

Die Dekontamination der Stadt begann im November 1987. Häuser wurden abgerissen, Straßen und Plätze gereinigt, Erde fortgeschafft und der Boden eilig mit Beton bedeckt, um die verbliebene Strahlung darin zu versiegeln. Eine Studie aus dem Jahr 2001 fand zehn bis vierzig Zentimeter unter der Erdoberfläche allerdings noch immer erhöhte Radioaktivitätswerte, sodass die Effektivität der ursprünglichen Dekontamination infrage gestellt werden muss.

Von den 112.800 Menschen, die auf radioaktive Kontamination untersucht wurden, waren insgesamt 239 externer und mindestens 129 Menschen innerer Strahlung ausgesetzt – meist durch Inhalation oder Ingestion des blauen Pulvers. Die Dunkelziffer unentdeckter Fälle dürfte bei diesen Untersuchungen jedoch relativ hoch sein. Die geschätzte Strahlendosis rangierte zwischen einigen Millisievert bis zu einer Höchstdosis von sieben Sievert. Dosen von über einem Sievert können zu akuter Strahlenkrankheit führen, bei fünf Sievert stirbt jeder zweite Exponierte, zehn Sievert führen in 100 % aller Fälle zum Tod. Beim Unfall in Goiânia mussten insgesamt 49 Menschen stationär behandelt werden, 21 von ihnen intensivmedizinisch. Die Ärzte versuchten, die Elimination des Cäsiums durch provoziertes Schwitzen sowie durch die Anwendung von Berliner Blau-Lösung und Diuretika zu steigern. Dennoch starben vier Menschen, darunter die Nichte des Schrotthändlers, die geringe Mengen des Pulvers gegessen und eine geschätzte Strahlendosis von sechs Sievert aufgenommen hatte. Ihr Sarg musste aufgrund der hohen Strahlung mit Blei und Beton bedeckt werden.

Ausblick

Der Fall Goiânia war für Behörden und Strahlenschutzkomitees weltweit ein Lehrstück der radioaktiven Kontamination einer modernen Großstadt. Die Krankheitsverläufe der exponierten Patienten boten neue Einblicke in die Auswirkungen von Radioaktivität auf den menschlichen Körper und es ist zu bedauern, dass langfristige Untersuchungen dieser Population bezüglich des Risikos der Krebsentstehung bislang nicht veröffentlicht wurden. Basierend auf Erfahrungen von Tschernobyl, Hiroshima und Nagasaki ist anzunehmen, dass zahlreiche Krebsfälle durch die radioaktive Exposition verursacht wurden und auch in Zukunft neu auftreten werden.

Eine unbekannte Menge an Cäsium-137 sickert weiterhin aus dem verseuchten Boden unterhalb der versiegelten Flächen ins Grundwasser. Das tatsächliche Ausmaß der Strahleneffekte wird vermutlich niemals vollständig erfasst werden. Die vielen Tonnen an radioaktivem Müll werden für über 180 Jahre in Bleibehältern aufbewahrt werden müssen – das ist die Zeit, die Cäsium-137 braucht, um sechs Halbwertszeiten zu durchlaufen. In vielerlei Hinsicht können andere Teile der Welt und Hibakusha in anderen Ländern von dem Unglück in Goiânia lernen, vor allem von der inadäquaten Dekontamination und der fehlenden Nachbetreuung der Exponierten.

Quellen

-16.691448, -49.268188