Shiprock/Tsé Bit’ A’í, Vereinigte Staaten

Uranbergbau
Auf dem Gelände einer ehemaligen Uranmine. Der Abbau von Uran wurde in Shiprock zwar in den 1970er Jahren eingestellt, jedoch wurden weder die über 200 verlassenen Minen in der Region adäquat versiegelt, noch die riesigen Mengen an radioaktivem Abraum gegen Witterung und Erdrutsche gesichert. Foto: Manuel Quinones

Rund um die Uranminen von Shiprock leben die Stämme der Navajo Gemeinde. Sie leiden bis heute unter den gesundheitlichen Folgen und den Auswirkungen der Umweltzerstörung, welche die Minen auch nach ihrer Schließung verursachen. Dennoch gibt es schon Stimmen, die die Wiedereröffnung der Minen fordern, um noch mehr Atomsprengköpfe und -kraftwerke bauen zu können.

Foto: Auf dem Gelände einer ehemaligen Uranmine. Der Abbau von Uran wurde in Shiprock zwar in den 1970er Jahren eingestellt, jedoch wurden weder die über 200 verlassenen Minen in der Region adäquat versiegelt, noch die riesigen Mengen an radioaktivem Abraum gegen Witterung und Erdrutsche gesichert. Foto: © Manuel Quinones

Poster als PDF (Download)

Hintergrund

Die Gemeinde Shiprock, benannt nach der bekannten, schiffsbugartigen Bergformation, liegt im Nordwesten des Bundesstaates New Mexico und ist Teil der Navajo Nation, dem größten indigenen Reservat der USA. Über fast drei Jahrzehnte wurde hier Uran abgebaut, um Nachschub für Atomsprengköpfe und die wachsende Atomindustrie der USA zu liefern. Der Uranbergbau begann in den 1940er Jahren und erlebte einen Boom in den nächsten beiden Jahrzehnten, während die amerikanische Produktion von Atomwaffen ihren Höhepunkt erreichte. Die Vanadium Corporation of America und Kerr-McGee waren die Hauptanteilshaber der Minen. Die schlecht bezahlten Bergleute, die zum Großteil aus der indigenen Navajogemeinde stammten, arbeiteten mit minimalen Schutzmaßnahmen und wurden nicht über die Gefahren aufgeklärt, die von ionisierender Strahlung und Radongas in den Minen ausging. In der Sprache der Navajo existiert das Wort „Strahlung“ erst gar nicht. Dabei hatten Arbeitsmediziner bereits 1930 den Zusammenhang zwischen Uranbergbau und Lungenkrebs nachgewiesen. Der Abbau von Uran wurde in Shiprock zwar in den 1970er Jahren eingestellt, jedoch wurden weder die über 200 verlassenen Minen in der Region adäquat versiegelt, noch die riesigen Mengen an radioaktivem Abraum gegen Witterung und Erdrutsche gesichert.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

In den 1960er Jahren zeigten Studien einen dramatischen Anstieg zahlreicher Krankheiten in der Region, vor allem Lungenkrebs. Von 150 Minenarbeitern starben bis 1980 133 an Lungenkrebs oder Lungenfibrose. Die Navajo Bergleute zeigten ein 20- bis 30-mal so großes Risiko an Lungenkrebs zu erkranken, wie die Navajo, die nicht in den Minen beschäftigt waren. Weiter ließ sich aus den Studien ableiten, dass etwa zwei Drittel der Lungenkrebsfälle bei Navajo Minenarbeitern zwischen 1969 und 1993 ausschließlich auf den Uranbergbau zurückzuführen waren – relevante Confounder konnten nicht identifiziert werden. Eine viel zitierte Studie zeigte zudem eine statistisch signifikante Assoziation zwischen dem Uranbergbau und angeborenen Geburtsfehlern unter den Navajo von Shiprock. Als Reaktion auf diese Ergebnisse schlossen sich die Minenarbeiter in einer Gewerkschaft zusammen und gründeten das Uran-Strahlenopfer-Komitee, welches fortan Aufklärungsarbeit über die Gefahren des Uranbergbaus leistete. Das Komitee verklagte die US-Regierung und den Staat New Mexico auf Entschädigungszahlungen und forderte schärfere Gesetze zum Schutz von Umwelt und Mensch vor den Folgen des Uranabbaus. 1990 verabschiedet der US-Kongress ein Gesetz zur Kompensation von Opfern radioaktiver Verstrahlung. Im gleichen Jahr errichtete der Stammesrat der Navajo eine Anlaufstelle für Navajo Uranminenarbeiter, begann mit der Erstellung eines Gesundheitsregisters und organisierte medizinische Hilfe für Betroffene. Von den 270 Millionen US-Dollar, die die Firma Kerr-McGee im Jahr 2010 an Abfindungen zahlen musste, wurden 14,5 Millionen US-Dollar der Umweltschutzagentur EPA und der Gemeinde der Navajo zugesprochen, davon 1,2 Millionen speziell für Shiprock. Bis heute laufen jedoch weiter jedes Jahr 9,5 Millionen Liter radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Uranbetrieb von Shiprock in den San Juan Fluss. Die EPA gab an, dass ca. 30 % der Navajo Bevölkerung immer noch keinen Zugang zu öffentlichen Trinkwasserleitungen haben und daher gezwungen wären, radioaktiv verseuchte Wasserquellen zu nutzen.

Ausblick

Der Name Shiprock wird heutzutage vor allem mit der etwa 400.000 m² großen Atommülldeponie in Verbindung gebracht, die die Überreste von mehr als 22 Uranmühlen und zahlreiche radioaktive Abraumhalden beinhaltet. Mitte der 2000er Jahre zeigten Untersuchungen, dass mehr als 1,8 Milliarden Liter Grundwasser durch Uran, Selen, Radon, Kadmium, Sulfate und Nitrate verseucht waren und die Konzentrationen der radioaktiven Stoffe weit über den zulässigen Richtwerten liegen. So erreichte beispielsweise die Urankonzentration in Teilen des San Juan Flusses das 47- bis 97-Fache der staatlichen Obergrenzen. Obgleich die Navajo erste Fortschritte bei der Sanierung des Grundwassers in Shiprock vermerken können, kritisieren ihre Stammesführer das andauernde Versagen sämtlicher Regierungsbehörden in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der gesundheitlichen Folgen jahrzehntelanger radioaktiver Exposition von Bergarbeitern und Anwohnern. Im Streben nach billigem Uran für Nuklearwaffen und Atomkraftwerke setzte die US-Regierung die Menschen wissentlich den Gefahren der Radioaktivität aus. Auch die Navajo von Shiprock sind daher Hibakusha.

Quellen

36.800901, -108.43051